DER GLANZ DER UNSICHTBAREN Film Produktionsnotizen

PRODUKTIONS­NOTIZEN
VON LOUIS-JULIEN PETIT

Im August 2014 gab mir Claire Lajeunie ihr Buch „Sur la route des invisibles“ zum Lesen, das sie während der Arbeit an ihrem Film über obdachlose Frauen geschrieben hatte. Das Buch überraschte mich, weil es nichts von dem spröden soziologischen Ton hatte, den man bei diesem Thema erwartet hätte. Im Gegenteil: Ich durfte in eine sehr menschliche Geschichte mit vielen tragikomischen Elementen eintauchen. Die Frauen in diesem Buch waren unglaublich komplex, berührend und oft auch sehr lustig, trotz ihrer dramatischen Lebenswege. Ich habe das Buch in zwei Stunden gelesen, und am Ende wusste ich, dass ich daraus einen Film machen wollte.

Ich sprach mit meiner Produzentin Liza Benguigui, die dann sehr schnell die Rechte an dem Buch erwerben konnte. Wir waren überzeugt davon, dass die Porträts dieser fragilen und gleichzeitig kämpferischen Frauen ein großartiger Stoff für einen Spielfilm wären: Catherine, Mitte 50, die sich an egal welchem Ort schlafen legen kann, oder Julie, die ihre Situation mit ihren 25 Jahren eigentlich nicht wahrhaben will … Frauen voller Widersprüche, die einen verzaubern und zur Verzweiflung bringen können: Filmheldinnen.
RECHERCHE UND ERSTE FASSUNG

Nach meinen Filmen DISCOUNT und CAROLE MATTHIEU wusste ich, dass ich ganz in die Welt dieser Frauen eintauchen musste, um sie zu verstehen. Ein Jahr lang verbrachte ich damit, mich mit Menschen zu treffen, die in der Sozialarbeit tätig sind, überwiegend Frauen, und mit obdachlosen Frauen in verschiedenen Unterkünften in Frankreich zu sprechen. Mir wurde bald klar, dass ich mich in meinem Film auf das tägliche Miteinander dieser zwei Frauengruppen konzentrieren wollte, die in der Gesellschaft „unsichtbar“ sind: Man sieht sie nicht, weder die einen noch die anderen.

Je mehr ich in dieses Milieu eintauchte, desto größer wurde mein Bedürfnis, es in seiner ganzen Härte abzubilden. Deshalb wahrscheinlich ging der erste Drehbuchentwurf kaum über eine Sozialreportage hinaus. Ja, das Thema hatte mich gepackt, ich hinterfragte meine eigenen Vorurteile, Überzeugungen und Prinzipien, aber es gelang mir nicht, eine Distanz zum Thema zu finden. Wir merkten bald, dass wir dem Dokumentarfilm von Claire Lajeunie nichts hinzufügen würden, wenn wir diese Realität einfach nur auf einen Spielfilm übertragen würden. Im Oktober 2016 verwarf ich den ersten Entwurf und fing noch einmal ganz von vorne an.

Ich stellte mir eine Geschichte vor, in der Sozialarbeiterinnen für die soziale Wiedereingliederung der Frauen kämpfen, die sie betreuen. Ich wollte, dass die Geschichte des Spielfilms dort anfängt, wo Claires Dokumentation aufhört: Wenn die (reale) Catherine schließlich einen Platz in einem Wohnheim bekommt. „Der Glanz der Unsichtbaren“ beginnt damit, dass (die fiktionale) Catherine diese Unterkunft verlässt und ins Tageszentrum L’Envol zurückkehrt. Anders als die erste Fassung, die vor allem auf der Straße spielte, war die zweite Fassung hauptsächlich im L’Envol angesiedelt. So konnten wir den Frauen Tag für Tag folgen und uns Zeit dafür nehmen, sie kennenzulernen.

Mir wurde klar, dass die beste Tonlage, um die Geschichten dieser Frauen zu erzählen, die der Komödie sei. Ich dachte dabei an britische Sozialkomödien wie „Ganz oder gar nicht“ von Peter Cattaneo oder „Mein wunderbarer Waschsalon“ von Stephen Frears. Die Komödie erschien mir als das geeignetste Genre, um die Verbindung zwischen dem Publikum und diesem Thema herzustellen, mit dem man sich eigentlich nicht beschäftigen will. Draußen auf der Straße senkt man den Blick, aus Ohnmacht oder Angst, aber im Kino sieht man diese Frauen an, für ein Mal, und lacht mit ihnen. Ich wollte einen schillernden Film haben, voller Hoffnung und nah an einer Gruppe, die zusammenhält und sich gegenseitig unterstützt.

Ich wollte mich dieser Welt durch komische und berührende Situationen nähern, ohne jemals die dramatische Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren, um die es geht. Schon aus Respekt für diese Frauen mit ihrem selbstironischen Humor und ihrer Abneigung gegen jede Form von Selbstmitleid wollte ich das Publikum eine Welt voller Unsicherheiten erleben lassen. Es war mir wichtig, die Protagonistinnen in all ihrer Komplexität zu zeigen, ohne Pessimismus und ohne Mitleid, damit der Film all den Frauen, denen ich während der Vorbereitung begegnet bin, gerecht wird. Der Humor funktioniert dabei wie eine Art Schutzschild. Vielleicht kann man „Der Glanz der Unsichtbaren“ als ein tragikomisches Epos beschreiben, in dem der Kampf wichtiger ist als die quasi-utopischen Ziele, die er erreichen soll. Es geht um Kämpferinnen, deren Erfolg gerade darin besteht, dass sie gemeinsam ungewöhnliche Dinge erleben, dass sie gemeinsam kämpfen.

FRAUEN OHNE OBDACH:
DIE UNSICHTBAREN

Ich wollte die Rollen der wohnungslosen Frauen mit nichtprofessionellen Darstellerinnen besetzen. Wir organisierten deshalb einige Monate vor Drehbeginn ein großes Casting mit dem Ziel, Frauen zu finden, die auf der Straße gelebt hatten, ehemals obdachlose Frauen, die mittlerweile ihre Situation verändert hatten oder in Wohnheimen lebten. Der Frauenanteil unter den Obdachlosen in Frankreich liegt, was kaum jemand weiß, bei 40%. Wir bekommen das oft nicht mit – auch weil die Frauen sich verstecken, um vor der Gewalt der Straße geschützt zu sein. Sie tarnen sich, sie werden sozusagen unsichtbar.

Wir luden schließlich über 150 Frauen ein. Jede hatte eine Stunde Zeit, um vor der Kamera aus ihrem Leben zu erzählen, ohne sich dabei zurückzunehmen. Anschließend führten wir mit den angehenden Schauspielerinnen Workshops durch, um sie besser kennenzulernen, um zu proben und zu entscheiden, wer in die letzte Auswahl kommt. Ich bat alle Teilnehmerinnen, sich den Namen einer Frau auszusuchen, die sie bewunderten. Das führte dazu, dass wir später beim Dreh ihre wirklichen Namen eigentlich gar nicht kannten: Für uns hatten sie die Namen, die sie sich ausgesucht hatten, Edith (Piaf), Brigitte (Macron), Lady Di, Simone (Veil), Marie-Josée (Nat), Mimie (Mathy) ...

Dank der Möglichkeit, sich nach einer anderen Persönlichkeit zu benennen, rückte die Anwesenheit der Kamera für sie in den Hintergrund, und sie fanden den Mut, absolut authentisch zu sein. Am Ende entschieden wir uns in der Besetzung der obdachlosen Frauen nur für zwei Profi-Schauspielerinnen: Sarah Suco als Julie und Marie-Christine Orry als Catherine, die beiden Figuren, die an die realen Vorbilder aus Lajeunies Dokumentation und Buch angelehnt sind.

SOZIALARBEITERINNEN:
DIE ANDEREN UNSICHTBAREN

Wir kennen noch andere „unsichtbare Frauen“: Diejenigen, denen nicht dabei geholfen wird, anderen zu helfen. Wir sprechen selten über sie, wir sehen und hören sie fast nie, und dennoch gehen sie Tag für Tag der Sisyphosaufgabe nach, anderen zu helfen. Viele von ihnen haben sich, trotz allem, den Glauben daran bewahrt, dass eine soziale Wiedereingliederung, ein Neuanfang möglich ist. Egal, ob sie ehrenamtlich oder professionell arbeiten, meistern diese Sozialarbeiterinnen eine enorm schwierige Aufgabe. Ihre Arbeit ist notwendig, sie gilt als anerkennswert – aber wirkliche Anerkennung bekommen sie nur selten.

Unsere „Unsichtbaren“ im Film gehen weit über das hinaus, was von ihnen verlangt wird: Als das L’Envol vor der Schließung steht und einer ungewissen Zukunft entgegenblickt, erfinden sie ihren Beruf außerhalb des Systems neu und widmen sich einem Kampf, der ihnen nicht nur richtig erscheint, sondern ihre Schützlinge plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt – auf Augenhöhe.

DIE HAUPTDARSTELLERINNEN

Audrey ist eine Idealistin, unverstellt, ohne je auf Distanz zu einer Situation zu gehen. Sie tut alles, um zu helfen, und vergisst sich dabei manchmal auch selbst. Für diese Rolle brauchte ich eine aufrichtige Schauspielerin, die uns vom Lachen zum Weinen bringen kann. Audrey Lamy hat diese Eigenschaften. Als ich mit ihr eine Unterkunft in Grenoble besucht habe, hat sie sich innerhalb einer Viertelstunde ins Team der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter eingefügt – irgendwie ist sie in diesem Moment schon im L’Envol angekommen.

Mit Corinne Masiero habe ich nun schon zum dritten Mal zusammen gearbeitet. Sie ist selbst engagiert im Kampf gegen Prekarität und Exklusion und hat lange Zeit für ein Eingliederungsprojekt gearbeitet. Im Film spielt sie Manu, die Leiterin des L’Envol – eine starke Frau, die vom System und seinen Pannen erschöpft ist. Der Showdown, auf den die Unterkunft zurast, schwebt über ihr wie ein Damoklesschwert. Sie ist diejenige, die im L’Envol die täglichen Entscheidungen trifft. So lange wie möglich versucht sie, Distanz zu den betreuten Frauen zu bewahren, da sie die Gefahr unklarer Grenzen kennt.

Noémie Lvovsky spielt Hélène, die ehrenamtlich in der Unterkunft arbeitet. Hélène ist eine ungeschickte Figur, mit eigenen Blessuren, eine Frau, die gerne mal die falschen Fragen stellt, aber der man aufgrund ihrer tiefen Menschlichkeit immer verzeiht. In den Unterkünften, die ich besucht habe, bin ich vielen Frauen wie Hélène begegnet, wundervollen Frauen, die, indem sie anderen helfen, durchaus auch sich selbst helfen. Es ist diese Ambiguität, die sie so berührend macht.

Déborah Lukumuena komplettiert das Schauspielerinnen-Quartett. Für ihr Schauspieldebüt in „Divines“ hatte sie den César, den Französischen Filmpreis, für die beste weibliche Nebenrolle bekommen. Ich versprach ihr, dass ich eine Rolle für sie schreiben würde: Angélique, eine ehemals obdachlose Teenagerin, die voller Widersprüche ist, grandiose Pointen liefert und am Scheideweg steht. Déborah spielte am Ende genau die Angélique, die ich mir beim Schreiben des Drehbuchs vorgestellt hatte – und noch viel mehr.

Sarah Suco hat mit ihrer Rolle der Julie eine schwierige Herausforderung angenommen. Sie spielt ihre Rolle mit einer Wirklichkeit, die unmittelbar aus dem Leben zu kommen scheint.. Dafür hat sie hart gearbeitet: Sie hat Gewicht verloren, ist Betteln gegangen, um das Gefühl der Scham und Gewalt zu erleben, wenn sich die Passanten abwenden. Die Rolle war umso schwieriger, da Julie eine isolierte Person ist, die voller Gegensätze steckt und sich am Rand der Gruppe entwickelt. Sie scheitert daran, die Hilfe anzunehmen, die ihr angeboten wird.

Für die männlichen Figuren in diesem Frauenfilm war mir wichtig, dass sie Mitgefühl mitbringen. Pablo Paulys Interpretation von Dimitri, dem eher schüchternen Bruder von Audrey, der seine Schwester bewundert und Kraft aus ihrem Tun zieht, hat der Rolle etwas Bewegendes hinzugefügt, das weit über das hinausgeht, was ich mir vorgestellt hatte. Fatsah Bouyahmed ist ein umwerfendes komödiantisches Talent, und Antoine Reinartz spielt so wahrhaftig wie in 120 BPM, wo er für die Rolle des Präsidenten der Pariser Act-Up-Gruppe mit dem César für die beste männliche Nebenrolle ausgezeichnet wurde. Und natürlich bin auch der übrigen Besetzung sehr dankbar: Brigitte Sy, Quentin Faure, Marie-Christine Orry ...

DIE DREHORTE

Als ich anfing, mich nach Unterkünften umzuschauen, kam die erste Rückmeldung aus Nordfrankreich, wo ich schon meine ersten beiden Filme gedreht hatte. Die Leitung vor Ort erzählte mir, dass sie bald schließen würden. Ich sah das als ein Zeichen. Für mich ist diese Region ein unerschöpflicher Pool an wunderbaren Komparsen: Die Leute dort sind unglaublich natürlich, sie schauspielern nicht, sie „sind“ einfach. Ihre Aufrichtigkeit ist überwältigend. Nach den Dreharbeiten zu „Discount“ und „Carole Matthieu“ hatte ich den Kontakt zu einigen von ihnen aufrechterhalten. Vor allem Marianne Garcia hat mich in „Discount“ so sehr begeistert, dass ich sie in „Der Glanz der Unsichtbaren“ noch einmal besetzt habe: Sie spielt die Lady Di.

DIE DREHARBEITEN

Damit sich unsere „unsichtbaren Frauen“ vor der Kamera und mit der Crew möglichst wohl fühlen, haben wir uns entschieden, chronologisch zu drehen. Am Ende des ersten Drehtags haben uns einige verlassen, andere waren gar nicht erst aufgetaucht: Zu weit weg, zu kompliziert, zu lang ... Mindestens ein Drittel ist von Bord gegangen, aber die, die geblieben sind, wollten den Film wirklich machen. Das Team und die Profi-Schauspielerinnen haben sich auf die Situation eingelassen und sich zurückgenommen, damit sich die Frauen wirklich in den Film einbringen konnten. Wir haben mit einfachen Szenen angefangen und dann, je nach Reaktion der Frauen, entschieden, welche der nichtprofessionellen Schauspielerinnen eine größere Rolle innerhalb der Geschichte spielen würden.

DIE SICHTBAREN

Ich wollte mit dem Film von jenen Frauen erzählen, die von der Gesellschaft ausgeblendet werden, und jenen, die tagtäglich bei ihnen sind. Ich wollte zeigen, dass sie trotz der Rückschläge, die sie auf ihrem Weg erlitten haben, auch ein Leben vor der Straße hatten: Eine Arbeit, Talente, Träume – und dass sie nichts von ihrer Persönlichkeit, ihrer Würde, ihren Wünschen und ihren Träumen eingebüßt haben. Diese Frauen sind eine Ode ans Leben. Sie haben mir unglaublich viel Kraft gegeben, und in der Arbeit mit ihnen habe ich gelernt, unglaublich viele Dinge zu relativieren. Ich denke, es gab ein wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen uns. Einiges, was wir gedreht haben, haben wir nicht in den Film genommen, weil es zu persönlich war – wir wollten jede Form von Voyeurismus vermeiden und das Versprechen halten, das ich am Anfang gegeben hatte: Dass dies ein Film voller starker und schöner Frauen werden würde.

LOUIS-JULIEN PETIT
Geboren 1983. Regiestudium an der L’École Supérieure de réalisation audiovisuelle, nach seinem Abschluss 2004 Realisation von Kurzfilmen und Regieassistenzen bei mehr als 30 Filmen, u.a. MR. MORGAN’S LAST LOVE (2013, R: Sandra Nettelbeck), ONE DAY (2011, R: Lone Scherfig), ENSEMBLE, C’EST TROP (2010, R: LÉA FAZER), À L’ORIGINE (2009, R: Xavier Giannoli), WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS (2008, R: Dany Boon) und DIALOG MIT MEINEM GÄRTNER (2007, R: Jean Becker). Mit DISCOUNT (2014) drehte Louis-Julien Petit seinen ersten Spielfilm als Autor und Regisseur (ausgezeichnet u.a. mit dem Publikumspreis in Angoulême), 2016 folgte CAROLE MATTHIEU, mit Isabelle Adjani sowie Corinne Masiero, Sarah Suco, Pablo Pauly, und Marie-Christine Orry, die auch in DER GLANZ DER UNSICHTBAREN zu sehen sind.

LINKS ZUM THEMA

Eine amtliche Statistik über wohnungslose Menschen in Deutschland gibt es nach wie vor nicht. Hintergründe, Statistiken, eine umfassende Übersicht über laufende Projekte und Initiativen und zahlreiche Kontakte zum Thema bietet die Webseite des Dachverbandes „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.“ unter https://www.bagw.de.
2016 ging die BAGW von 860.000 Menschen aus, die über keinen vertraglich gesicherten Wohnraum verfügen, seitdem hat sich diese Zahl fast vervierfacht. Die meisten der von Wohnungslosigkeit Betroffenen leben in Wohnheimen und Notunterkünften oder finden eine zeitweilige Unterkunft bei Freunden oder Angehörigen. 2016 lebten ca. 52.000 Menschen auf der Straße. Der Frauenanteil unter den wohnungslosen Menschen beträgt ca. 30%, Tendenz steigend.

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