DER GLANZ DER UNSICHTBAREN Film Interview mit Déborah Lukumuena

Interview mit Déborah Lukumuena

Was war Ihre erste Berührung mit den „Unsichtbaren“?

Louis-Julien Petit rief mich an, weil er mich in einer Fernsehsendung gesehen hatte, einen Tag nachdem ich den César für „Divines“ gewonnen hatte. Er erzählte mir von seinem Film und sagte, für eine der Rollen hätte er an mich gedacht. Das war im Januar 2017. Im Juli meldete er sich wieder und schickte mir das Drehbuch. Ich las es und das war’s. Ich wollte dabei sein.

Was hat Sie an dem Film interessiert?

Das Thema: Es war eines der ersten Male, dass obdachlose Frauen auf der großen Leinwand thematisiert werden. Und ich fand es umso berührender und überraschender, dass dieser Anstoß von einem Mann kam. Das Drehbuch war realistisch, witzig, zärtlich und schmerzlich, aber nie rührselig, herablassend oder pessimistisch. Es behandelte sehr ernste Angelegenheiten und Nöte auf eine Art, die Komik und Farce mit einbezog, mit einer Betonung des komödiantischen Aspekts, den man im Drama ebenso wie im echten Leben findet. Das war kraftvoll und spannend, das war einzigartig.

„Der Glanz der Unsichtbaren“ ist ein mitunter dokumentarisch angehauchter Spielfilm. Hat Sie diese Form angesprochen?

Ja, ich liebe das. Es wurde schon im Drehbuch deutlich, beim Drehen dann aber noch mehr: Wir haben mit Frauen gedreht, die Obdachlosigkeit wirklich erfahren haben. Auch wenn wir Erzählkonventionen folgen und alles inszeniert und gespielt ist, schwebt der Film doch immer zwischen Fiktion und Realität. Manchmal wirkt das wie eine Art von Cinéma vérité, doch ohne den Exhibitionismus, der damit oft einhergeht.

Im Ansatz des Regiseurs war viel Raum für Improvisation vorgesehen …

Das hat mir anfangs etwas Angst gemacht. Aber wir konnten uns immer am Drehbuch festhalten, das nachvollziehbar und sehr gut geschrieben war. Louis-Julien Petit hat viel Zeit mit dem Casting der Frauen verbracht, die die Obdachlosen-Figuren in der Unterkunft spielen. Louis-Julien lacht und weint mit seinen Schauspielerinnen, er verschmilzt vollkommen mit seiner Umgebung. Am Set ist er wie ein Dirigent. Er hat seine Partitur, das Drehbuch, vor sich, und während der szenischen Umsetzung entscheidet er, welche Instrumente er in den Vordergrund stellt. Bei ihm ist nichts gefälscht oder erzwungen.

Wie fanden Sie die Entscheidung, den Film auch mit ehemals obdachlosen Frauen zu besetzen?

Die Idee passte zu Louis-Juliens tiefem Drang zum Realismus… Anfangs schien mir das etwas riskant. Ich befürchtete, diese Frauen würden es während des Drehs schwer haben. Doch Louis-Julien hat nie einen Unterschied zwischen den unerfahrenen Darstellerinnen und den sogenannten Profis gemacht. Wir wurde alle mit dem gleichen Respekt behandelt, haben alle gleich viel Probenzeit bekommen und hatten das gleiche Recht, einen Take zu wiederholen. Das hat sehr dabei geholfen, eine Bindung aufzubauen und einander zu vertrauen.

Ist es schwierig, mit Leuten ohne Dreherfahrung zu arbeiten?

Vor dem Dreh war ich angespannt. Ich hatte Angst, der Film könnte sich in eine Art Laborexperiment verwandeln. Doch diese Sorge ist schnell verschwunden. Die Frauen haben mich von Anfang an mit ihrer Offenheit und ihrem Gespür für Dialoge überrascht. Ihre Tapferkeit hat mich verblüfft. Wir, die Profi-Darstellerinnen, können uns hinter einer Figur verstecken. Sie dagegen mussten sich vor der Kamera ohne Filter, ohne Schauspieltechniken zeigen, so wie sie sind. Ihr Sinn für Humor und Selbstironie war ihr einziger Schutz. Außerdem waren diese Frauen, die den Mumm hatten, ihre Vergangenheit in einen Spielfilm einfließen zu lassen, sehr einfallsreich, warmherzig und großzügig. Im Grunde haben sie uns in ihre Welt hineingelassen.

Was war bei den Dreharbeiten am schwierigsten?

Am schwierigsten war es, mich nicht von Emotionen überwältigen zu lassen. Ich bin impulsiv und nehme die Dinge sehr ernst. Um das Ganze durchzuziehen, musste ich mir große Mühe geben, eine gewisse Distanz zum Thema zu bewahren und jede vorgefasste Ansicht zu vermeiden. Obwohl mich Louis-Julien zu einer Unterkunft in Grenoble mitgenommen hat, habe ich mich im Vorfeld gegen eigene Recherchen zum Thema Frauenobdachlosigkeit entschieden. Im Nachhinein denke ich, das war eine gute Idee. Das Handeln in der Energie des Moments hat es erlaubt, auf alles mit großer Aufrichtigkeit zu reagieren.

Was hat Ihnen der Film persönlich gegeben?

Ich bin mit ihm gewachsen. Schon vor den Dreharbeiten hat es meinen Horizont erweitert, Louis-Julien dabei zuzuhören, wie er von seinem Drehbuch erzählt. Gleich nach unserem Treffen sind mir mindestens acht oder neun Obdachlose aufgefallen, die ich vorher wahrscheinlich nicht bemerkt hätte. Der Philosophieunterricht in der Schule kam mir wieder in den Sinn: Wie sehr unser eigenes Menschsein davon abhängt, gesehen zu werden – vom Blick, den andere auf uns richten. Ich verstand, dass es für Obdachlose, neben ihrer Armut, am schwersten zu ertragen ist, „unsichtbar“ zu sein.

DÉBORAH LUKUMUENA (Angélique)
Geboren 1994. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft bewarb sie sich bei einem Casting für eine Rolle als Statistin, wurde aber für eine der tragenden Rollen ausgewählt: Für DIVINES (2016, R: Houda Benyamina), ihre erste Kinorolle, wurde Déborah Lukumuena u.a. mit dem César als beste Schauspielerin in einer Nebenrolle, mit dem Lumière Award als beste Nachwuchsschauspielerin und dem Schauspielpreis auf dem Carthage Film Festival ausgezeichnet. Im Anschluss begann sie ihr Studium am Conservatoire National Supérieur d‘Art Dramatique. 2018 drehte sie neben DER GLANZ DER UNSICHTBAREN noch ROULEZ JEUNESSE (2018, R: Julien Guetta), seit 2019 spielt sie auch auf der Bühne.

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DER GLANZ DER UNSICHTBAREN – Ein Film von Louis-Julien Petit
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